Erfülltes Leben - Stress oder Segen?

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So führst du ein erfülltes Leben!

Hole mehr Fülle in dein Leben!

Die besten Tipps für ein erfolgreiches Leben!

Du wünschst dir ein erfülltes und glückliches Leben? So wird dein Traum endlich wahr.

 

Diese und ähnliche Sätze begegnen uns ständig, füttern unsere Sehnsucht nach Veränderung. Weisen uns darauf hin, dass das, was wir haben durchaus verbesserungswürdig ist.

 

Ein erfülltes Leben ... 

Ja – das wäre schon was!

 

So ein Leben, prallgefüllt mit Liebe, Freude, tollen Beziehungen, großartigen Erfahrungen und Erlebnissen, mit unvergesslichen Reisen und geilen Jobs, scheint ziemlich erstrebenswert, nicht wahr? Ein Leben, in der jede Minute zu einer weiteren funkelnden Diamantenkette wird, die in die Schatztruhe unseres Lebens wandert.

 

Das Wichtigste sind allen voran Gesundheit und körperliche Vitalität. Das lässt sich nicht abstreiten.

Deshalb gibt es ein breitgefächertes Angebot von Ernährungs- und Fitnesstipps. Da wir unserem eigenen Körper selbst nicht mehr vertrauen, können wir hier beherzt zugreifen und dann diszipliniert an uns arbeiten. Grundvoraussetzungen für ein erfülltes Leben schaffen.  

 

Doch abgesehen von der Ernährungs- und Bewegungsoptimierung, gibt es noch viel mehr zu tun.

 

Kurse belegen   – Seminare besuchen  – Lebensratgeber lesen    

Vorausgesetzt, wir können es uns leisten, bekommen wir – dank des breitgefächerten Angebots – also alles an die Hand, was wichtig ist, um das Beste aus uns heraus zu holen. Nun können wir zur besten Version unserer selbst werden und uns endlich (irgendwann) richtig wohl in unserer Haut fühlen, Selbstzufriedenheit, Liebe und Glück in die Welt hinaus strahlen. Wenn wir das schaffen, finden wir vielleicht sogar den Traumpartner, der uns so liebt wie wir sind!

 

Doch das dürfte ihm oder ihr dann auch nicht mehr schwer fallen. Schließlich sind wir bald so selbstbewusst und glücklich mit uns und unserem Leben, dass uns die Sonne aus dem Hintern scheint, während wir an unserem grünen Smoothie nuckeln. Wer könnte uns nicht lieben, wenn wir doch schon so viel an uns gearbeitet haben?  

 

Damit unser Traum vom erfüllten Leben Wirklichkeit wird, machen wir uns also ans Eingemachte. Selbstoptimierung scheint das Ah und Oh zu sein, um ein glückliches und erfolgreiches Leben zu führen! Also werden noch ein paar Kurse mehr gebucht. Es muss täglich frisch gekocht, jeden Morgen meditiert, abends Yoga gemacht und zehn Kilometer gejoggt werden - und zwar auch, wenn wir bereits den ganzen Tag auf den Beinen waren und erst recht, wenn wir zwei Stunden "faul" auf dem Sofa abhingen. Können wir uns nicht aufraffen, geben wir uns selbst gedanklich ordentlich was auf den Deckel. 

 

Übrigens: Ein Extra-Lob für alle, die die unzähligen, für ein glücklicheres Leben so wichtigen Dinge noch irgendwo im Alltag unterbringen können. Vor allem, wenn man ohnehin schon Job, Haushalt, Kochen, Kind und Familie unter einen Hut kriegen muss. (Tipp: Wer merkt „Halt, hier kann ich nicht mithalten!“ bucht am besten gleich einen „Zeit- und Stressmanagement“-Kurs)

 

Was tut man nicht alles für ein besseres, glücklicheres Leben? 

Die Hetzjagd nach Glück und Erfolg

Anfangs dachte ich: hey – super! Wir wachen endlich auf. Immer mehr Menschen entscheiden sich dafür, das unglückselige Hamsterrad der Eintönigkeit zu verlassen und auch den Stressfallen auszuweichen. Etwas ganz Neues zu beginnen, in Abenteuer aufzubrechen, in ein authentisches Leben, das den eigenen Bedürfnissen gerecht wird. Prima!

 

Doch inzwischen nimmt das alles Formen an, die mir zu denken geben!

 

Ich habe das Gefühl, wir vergessen was: Nämlich mal regelmäßig durchzuatmen und einfach nur zu SEIN. Nichts zu tun. Mal rauskommen aus dem Selbstverbesserungsmodus. Denn selbst beim Yoga kritisieren wir uns und wollen es möglichst perfekt machen. Am besten so wie Miss Sexy im YouTube-Video, die uns im bauchfreien Top, ihren perfekten Körper präsentierend, vorturnt, wie es richtig geht. Und wenn wir meditieren, ärgern wir uns darüber, dass wir dabei zu viel denken (Herrschaftszeiten, wir sind Menschen – also denken wir!). Anstatt uns einfach mal dafür wertzuschätzen, dass wir unseren Hintern in die Stille geschwungen haben.

 

Meine Intention ist es nicht, Coaches, Speaker, Trainer, Yoga-Lehrer oder generell die Vielfalt an Entwicklungsmöglichkeiten in Form von Seminaren, Kursen oder Ausbildungen an den Pranger zu stellen. Es ist wunderbar, dass es sie gibt! Auch ich profitiere von der wundervollen Arbeit, die im Coaching-Bereich geleistet wird. Auch ich bin dafür, dass jeder seinem Herzen folgen sollte. Und wer dabei Hilfe benötigt, kann sich aus dem breitgefächerten Angebot, die besten zu ihm passenden Möglichkeiten herauspicken. Das ist großartig, ein echter Fortschritt! Sanfte Persönlichkeitsentwicklung ist prima!

 

Meine Kritik bezieht sich auf die verbissene Selbstoptimierung, hinter der das unausgesprochene Motto steht: "So wie ich bin, bin ich nicht ok. Also treibe ich mich an. Denn nur mit Disziplin und Biss werde ich erfolgreich und ein besserer Mensch!" 

 

Ich liebe mich - äh, nein- mein Zukunfts-Ich!

Ich habe das Gefühl, der Traum vom erfüllten Leben setzt uns so sehr unter Druck, dass wir uns eher in einen stressigen Selbstoptimierungswettlauf (gegen uns selbst) stürzen, statt einen Weg der Freude und Leichtigkeit zu gehen.

 

An jeder Ecke höre oder lese ich: "Werde zur besten Version deiner selbst! Hol das Beste aus dir raus! Erkenne und lebe dein wahres Potenzial! LEBE dein Leben – du hast nur eins." Wir sollen immer alles noch besser machen, noch besser sein, noch mehr lieben.

 

Meine Güte. Es ist zu viel.

 

Für manche mag das alles verlockend klingen. Diese Sätze suggerieren aber auch: „So, wie du bist, bist du nicht gut genug. Du lebst nicht gut genug! Die Zeit ist knapp – verschwende sie nicht.“ Botschaften, die manche Menschen motivieren, frustrieren andere.

 

Alles ist nur noch am Optimieren! Wir optimieren uns selbst, unsere Jobs, unsere Lebenseinstellung, unser Denken, unsere Ernährung, unsere Beziehungen, unserer Lektüre, unsere Spiritualität, ja selbst unsere Meditation!

 

Wir streben wie die Verrückten nach Glück und Erfolg. Das Schlagwort auf diesem Weg ist meist noch „Selbstliebe“. Jaaa, genau: Weil wir uns endlich selbst wertschätzen und lernen wollen, uns selbst zu lieben, optimieren wir alles was geht?

 

Ist das nicht ein Widerspruch in sich? Was hat es denn mit Selbstliebe und Akzeptanz zu tun, wenn wir permanent an allen Bereichen unseres Lebens herumschrauben und ständig wirklich ALLES verbessern wollen? Das heißt doch im Grunde, dass wir uns so wie wir gerade sind noch längst nicht akzeptieren oder gar wertschätzen können.

 

Stattdessen himmeln wir die Version an, die wir anstreben, irgendwann mal zu sein.

 

Und deshalb hetzen wir los, um endlich diese Traum-Person zu werden. Doch der Weg zum Zukunfts-Ich ist ein Hindernislauf. Ständig gibt es noch was zu drehen. An jeder Ecke ist etwas zu tun. 1000 Hürden müssen genommen werden. Doch sicher lohnt es sich. Schließlich wollen wir am Ende unseres Lebens sagen: Hey! Ich hab’ was draus gemacht. Ich habe mein Leben nicht verschlafen!

 

Doch PUH! Unterwegs kann man ganz schön müde werden, oder?

 

Mir geht manchmal die Puste schon beim Zugucken aus. Mir erscheint alles so anstrengend. Doch ohne Anstrengung und Kampf könne man im Leben nicht erfolgreich sein. So funktioniere es nun mal. Das bekommen wir schon von der Wiege an eingetrichtert. Also muss da schon was dran sein. Oder? Also ist es schon okay. Oder?

 

Ich finde nicht.

 

Manchmal denke ich, dass wir den Stress, unter dem wir leiden in den Bereich „Ich entfalte jetzt mein wahres Potenzial?“ verlagern. 

 

Ich kann nur für mich sprechen: Mir vergeht regelrecht die Lust daran, ständig an mir rumzuschrauben. Und ich komme nicht umhin mich zu fragen: Kann es nicht auch leicht sein?    

 

Kann ich nicht einfach entspannt ICH sein – wie ich gerade bin? Das Gefühl loslassen, immer mithalten zu müssen in der permanent nach Erfolg strebenden Optimierungsgesellschaft? Einfach die Seele baumeln lassen, ohne den Druck, das Allerbeste aus meinem Tag, aus meinem Leben herausholen zu müssen? Darf ich das überhaupt? Einfach SEIN?

 

Darf ich einfach sein?

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Das Glück ist doch schon da!

Müssen wir erst einen langen Weg der Selbstoptimierung hinter uns bringen, um ein „erfülltes, glückliches und erfolgreiches Leben“ zu führen? Können wir nicht schon die nächste Sekunde mit etwas Wunderbarem ER-füllen? Sekunden, Minuten, Stunden aufplustern mit Glitzerstaub? Oder sie einfach mal vorbeiziehen lassen, ohne zu denken, was gerade schon wieder alles falsch gelaufen ist?

 

Und was ist überhaupt Erfolg? Sind es Wertschätzung und Geld für getane Arbeit? Oder ist es die Tatsache, den Anblick des Sonnenuntergangs nicht verpasst zu haben, weil man sich zu einem entspannten Abendspaziergang entschlossen hat?

 

Letztlich darf das jeder selbst für sich definieren und sein Leben ganz individuell nach seinen Wünschen ausrichten.

 

Mein Appell an uns ist einfach nur dieser: Vergessen wir nicht, in Anbetracht all der Verbesserungs-Angebote im Außen zwischendurch in uns rein zu horchen. Mal einen Gang zurück zu schrauben und zu fragen: Was tue ich eigentlich gerade? Und WAS tut mir jetzt wirklich gut? Ist es das Wochenendseminar „Glücklich und erfolgreich werden“ oder die Auszeit in den Bergen? Ist es ein Nachmittag mit Leinwand, Pinseln und Farben oder mit einem Buch zum Thema „Essen, das dich glücklich und schlank macht?" Ist es die Meditation „Schließe deine Augen und verbinde dich mit deinem Atem“ oder „Löse deine Blockaden, damit du erfolgreicher wirst“?

 

Ich denke, es ist wichtig, immer mal wieder inne zu halten, den Marathonlauf zu unterbrechen und unserer eigenen inneren Wahrheit zu lauschen. Vielleicht rät die uns ja, die nächste Abzweigung zu nehmen, in den Wald zu spazieren, um dort gemütlich am See zu sitzen, statt atemlos in der Masse weiterzurennen.

 

Stehen bleiben.

 

Den Wind auf der Haut spüren. Uns mit uns selbst verbinden. Einfach nur SEIN. HIER UND JETZT nach den Sternen greifen. Die ganzen Wunder sehen, die schon da sind und nicht erst in weiter Ferne auf uns warten.

 

Wertschätzen, dass wir hier sind und atmen dürfen.

 

Dankbar sein für das, was wir alles haben.

Und das ist verdammt noch mal eine ganze Menge.

Wir sind so unsagbar reich.

 

Die ER-füllung liegt direkt vor unserer Nase. Sie wartet darauf, von uns entdeckt und geschätzt zu werden.

 

Das SEIN ist wie das TUN ein Schlüssel zum Glück. Die Kunst liegt darin, beide in eine gute Balance zu bringen. Doch zieht das TUN eine der beiden Waagschalen massiv nach unten. Das SEIN wird viel zu stiefmütterlich behandelt. 

 

Und dann gibt es da eine allem zugrundeliegende Wahrheit, an die wir uns während des SEINS und TUNs erinnern dürfen. Ein Mantra gegen Frust, Druck und Stress. Ein Satz, der vieles leichter macht.

 

Er lautet:

 

ICH BIN GENUG.