Gastpost von Carmen: Mein Schmetterlingsengel

Heute freue ich mich über den ersten Gastbeitrag auf meinem Blog. Er kommt von meiner lieben Freundin Carmen, die euch ihre persönliche spannende Ansicht zum Thema Engel schildert. Im Gegensatz zu mir steht sie Gott und den Engeln eher skeptisch gegenüber. Nun ist Carmen aber ein Mensch, oder besser: ein bunter Schmetterling, der grundsätzlich mit offenem Herzen durch die Welt „fliegt“. Da kommt sie nicht umhin, immer wieder göttliche Funken einzusammeln. Zudem hat sie die Gabe, diese Funken auch liebevoll überall um sich herum zu verteilen. Außerdem ist Carmen eine tolle Künstlerin, wie ich finde. Sie schreibt wunderschön und malt ausdrucksstarke Bilder in ihrem ganz eigenen Stil. Für mich bedeutet Kreativität das Anzapfen unserer göttlichen Quelle. Wenn wir kreativ sind, kommen wir in einen Dialog mit Gott. Aus diesen Gründen behaupte ich, dass Carmen Gott sehr nahe ist. Näher, als sie selbst meint. Deshalb hat mich ihre persönliche Meinung zu den Engeln besonders interessiert. Ich wünsche euch viel Spaß mit Carmens Bericht.

Bericht einer Skeptikerin

Glaube ich an Engel? Na ja. Glaube ich an Gott? Jein. Ich bin Agnostikerin mit Hang zum Atheismus. Meine Freundin Sarah, die diesen Blog betreibt, vermutet dagegen, ich sei Gott viel näher, als ich mir vorstellen kann. Und ich denke, sie hat recht. Obwohl ich hinter meinem Eingangs-Statement stehe. Ein Widerspruch? Nur, wenn man nach einfachen Antworten sucht, die die Komplexität der Welt in Schablonen pressen wollen. Eine Haltung, die ich nicht verurteile, weil ich den Wunsch nach Sicherheit und Klarheit nachvollziehen kann. Mein Weg ist jedoch ein anderer.

 

Eine große Liebe fragte mich mal vor nicht allzu langer Zeit: "Woran glaubst du?" Spontan platzte es aus meinem beschwipsten Hirn: "An das Chaos". Und auch wenn ich – wer mich kennt, weiß das – mit der Ordnung im materiellen, irdischen Sinne auf Kriegsfuß stehe, meinte und meine ich das hier doch eher philosophisch. Transzendental, wenn man so will. Klar, auch ich habe meine Schablonen. Eine wichtige Ordnung, die mir in meinem Leben Halt gibt, ist die Sprache. Hier bin ich penibel, achte streng auf Regeln und sortiere mit einer Detailverliebtheit alle Elemente, bis sie am "richtigen" Platz stehen. Und doch weiß ich, dass auch die Sprache nur ein Gerüst, ein Hilfsmittel ist, um ein Stückchen Realität zu schaffen.

 

Realität? "Wirklichkeit ist nur das, auf das wir uns alle einigen können. Nicht immer trifft sie den Kern der Dinge, und so wird Unsagbares in der Erzählung gern zum Traum. Wegen der Freiheit und all der Bilder", schrieb ich einmal in meiner Kurzgeschichte "Märchensplitter". Es ist eine ständige Herausforderung, mit diesem mir zur Verfügung stehenden Hilfsmittel Sprache ein möglichst großes Stückchen Wahrheit einzufangen, von dem ich hoffe, dass ich es mit anderen teilen kann. Der ewige Schriftsteller-Traum. Ein Schlüssel zum Frieden.

Doch zurück zu den Engeln. Ich glaube nicht an sie und doch haben sie mir schon des Öfteren den Weg gezeigt. Auch, weil ich mich dank Sarah auf sie eingelassen habe. Sie haben mir beim Schlafen geholfen, sie haben mich in Liebesdingen beraten, sie haben mir Trost gespendet.

 

Und einmal ist mir einer von ihnen begegnet. Mein Schutzengel? Vielleicht.

 

Es war im Oktober in New York City, genauer gesagt auf der Rockaway-Halbinsel, die zu Queens gehört. Ein lieber Freund, der seit einigen Jahren in Manhattan wohnt, hatte mir von seiner Lieblingsstelle in der Stadt erzählt – Tilden Beach, der zu jener Halbinsel gehört. Ein ganz besonderer Ort sei das. Dorthin war ich nun unterwegs, spazierte stundenlang allein am einsamen, rauen Strand entlang, es regnete und ich war glücklich. Glücklich auf melancholische Art, ich mag das. Eine komplizierte On-off-Liebe befand sich zu dieser Zeit mal wieder im Off, vielleicht endgültig, doch das Meer machte mein schweres Herz ein wenig leichter. Die Muscheln am Strand sandten mir tröstende Zeichen und ich musste an Sarah denken und ob sie vielleicht doch "recht" haben könnte mit ihren Engeln. So sinnierte ich kurz vor mich hin, als just in diesem Moment ein handtellergroßer Schmetterling auf mich zuflatterte, leuchtend rot-orange, mich einmal umkreiste und wieder verschwand. Er hatte dieselben Farben wie ein Engel aus Filz, den mir Sarah einmal geschenkt hatte, weil sie fand, dass das einfach meiner sei.

 

Ich musste lächeln. In einem der wichtigsten Freundeskreise meines Lebens bin ich der "Schmetterling", auch die Protagonistin meines Romans "Die andere Haut" wird von ihrem Liebsten so genannt. Und das Tattoo in meinem Nacken  – die Wörter "eine kleine Blume" – geht auf ein bekanntes Hans-Christian-Andersen-Zitat zurück: "Leben ist nicht genug, sagte der Schmetterling. Sonnenschein, Freiheit und eine kleine Blume muss man auch haben."

 

Ja – es war nur ein farbenfrohes Insekt. Kein wirklich originelles Symbol, tausendfach benutzt, tausendfach interpretiert. Und dort am Strand? Zufall. Auch die Einschlafhilfe seinerzeit beruht vielleicht "nur" auf dem beruhigenden Bewusstsein, dass da eine Freundin liebevoll an mich denkt. Die Engel sind Produkte meiner Fantasie, ihre Hilfe eigentlich meine Selbstheilungskraft, mein Hirn konstruiert Zusammenhänge, wo eigentlich keine sind. Ich kenne die Einwände. Es sind auch meine. Sie leuchten mir ein.

 

Allein: Was bedeutet denn "eigentlich"? Was bedeutet "sein"? Wer bestimmt das? Und vor allem: Ist das wichtig? Geht es nicht letztlich nur um Definitionen, um verschiedene Namen für ein und dasselbe?

 

Wenn Sarah oder auch ich einen Engel wahrnehmen, dann gibt es ihn auch. Auf einer Wirklichkeitsebene, die vielleicht nicht alle teilen, die aber ebenso existiert und ihre Berechtigung hat wie die vielen Trilliarden Ebenen, die die Welt sonst noch zu bieten hat.

 

Objektivität ist eine Illusion. So wichtig wie Sprache, so wichtig wie Gesetze, so wichtig wie viele andere Krücken, mit deren Hilfe wir versuchen, möglichst stolperfrei durchs Leben zu tapsen – und doch sind alles eben wirklich nur Gerüste.

 

Um das große Ganze zu erkennen, sind wir zu klein.

 

Ich leide darunter nicht. Ich kann damit leben, auf einige Fragen keine Antwort zu haben. Oder mir die Antwort eben manchmal einfach auszusuchen. Und was spricht gegen eine in Gestalt eines überirdischen Wesens, das es gut mit mir meint? Es mag "nur" ein Teil meiner selbst sein, womöglich auch ein Teil der Welt oder vielleicht doch ein Teil dessen, was wir gemeinhin Gott nennen – solange es mir und anderen beim Lieben und Leben hilft, heiße ich es herzlich willkommen. In aller Ungläubigkeit, aber mit offenem Herzen.

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Kommentare: 1
  • #1

    Ahmet (Freitag, 01 Januar 2016 06:51)

    ich glaube auch, dass sie Gott sehr naher ist, Diese Gefühl kenne ich, obwohl ich selbst Ateist bin!!!