Mein Boot und ich.

Quelle: Pixabay
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Ich habe ein Rettungsboot. Zumindest hat es mich früher gerettet. Seine Gegenwart beruhigt mich. Ich sitze nicht mehr drin in diesem Boot. So wie damals. Jetzt schwimme ich neben ihm her.


Konnte es noch nicht ganz loslassen. Dabei ist Loslassen so wichtig. Sagt man.

Sanft gleiten wir zwei dahin. Bei ruhigem Wellengang streichle ich zärtlich das Holz. Schmiege meine kalte Wange an seine tröstende Härte. Von der Sonne in liebkosende Wärme getaucht. Die Wellen machen glucksende Geräusche. Jedes Mal, wenn Sie dem Widerstand des Bootes trotzen. Bis sie sich geschlagen geben und in ihre Weite zurück gleiten.

 

Wenn ich bei meinem Boot bin, tut mir niemand was.

 

Doch ich weiß, dass ich hier nicht für immer bleiben kann.

 

Das „Meer vom Leben“ findest du woanders, flüstert ein Stimmchen. Irgendwo dort, wo die Sonne das Wasser küsst.

 

Ja, da will ich hin. Weit hinaus, wo die Wellen toben.
Dahin, wo die Stürme, Wogen,
Regen und der Regenbogen,
und bunte Sonnenuntergänge wissen,
wer ich wirklich bin.

 

Mein Herz schlägt schneller. Das Atmen fällt mir plötzlich schwer.

 

Und ich höre die tröstende Ruhe in mir:

 

Das ist die Angst. Aber sie spielt sich nur auf. Tut so, als sei sie größer als du. Glaub ihr nicht.

 

Glaube DIR!

 

Die Angst will, dass ich hier bleibe. Das Leben verpasse. Die tobende Schwere da draußen. Die Leichtigkeit. Die bunte Schönheit.

 

Die Schönheit, die uns in Freude zu hüllen vermag.

 

Ich lehne meine Stirn an das mir so vertraute Holz. Meine Hände klammern sich an meiner Heimat fest. Hängen am Rand des Bootes, ohne dass ich selbst das will. Wir bleiben hier, wollen sie mir sagen.

Quelle: Pixabay
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Mein Boot schaukelt mich zärtlich.

 

Schwimm schon los. Sagt es leise. Ich bleibe in der Nähe.
Während du die Weite suchst. Das Abenteuer. Für das du groß geworden bist.
Kraftvoll. Und auch leicht genug.

 

Ich hole tief Luft. So oft, bis ich mich stark fühle. Meine Finger gleiten beim nächsten Wellengang hinab. Meine Füße tasten im Wasser nach Meeresboden. Doch da ist nichts.
Ich muss mich alleine oben halten. Und ich kann das.

 

Funkelnde Lichter begleiten mich. Glitzern im Wasserspiegel und im Himmel. Schmetterlinge im Bauch.


Und ich weiß, dass das Engel sind. Sie klatschen und feuern mich an. Muntern mich auf und geben mir Mut.

 

Ich bin nie allein. Niemand ist allein.

 

Ich stoße das Boot kräftig von mir weg. Beobachte, wie es sich von den Wellen davonschaukeln lässt.

 

In meinem Hals der alte Klumpen. Der mich als Kind zu ersticken drohte. Schmerzvoll drückt er mir auf die Kehle und heiße Tränen in die Augen. Salzig wie das Meer aus dem ich komme. In dem ich bin. In dem ich mich wieder finde. Deshalb sind die gar nicht schlimm. Ein heißes Ziehen will meinen Brustkorb zerreißen. 


Doch ich überlebe das. Vielleicht hört es auf weh zu tun. Und wenn nicht? Wer lebt schon völlig ohne Schmerz?

 

Das Boot. Es bleibt in meiner Nähe. Bestimmt.

 

Ich kann jetzt alleine für mich sorgen.

 

Die richtigen Entscheidungen treffen, damit ich nicht untergehe. Das Boot hat seine Arbeit getan.

 

Ich will nicht mehr abhängig sein.

 

Ich bin entschlossen. Ich kann das.

 

Wie konnte ich in all den Jahren vergessen, dass das Wasser mein Element ist?
Das Meer ist mein Zuhause. In seiner Tiefe finde ich meine eigene.

 

Ergründen kann ich die nur ohne Boot. Herausfinden, wer ich wirklich bin.

 

Ich wende mich gänzlich von ihm ab. In Dankbarkeit, dass es mich so lang beschützt hat.
Vor den Wellen. Vor meinem Abgrund. Wie tief der wohl ist?

 

In Wahrheit bin ich zwar tiefgründig. Aber dennoch heil. Ein paar Kratzer hier und da. Schürfwunden an der Oberfläche. Aber meine Seele ist ganz.

 

Die Seele ist unverletzlich. Sie lernt nur die Narben zu lesen. Und wächst daran.

 

Ich bin bereit für die Begegnung. Es ist gar nicht schwer, mit kräftigen Zügen vorwärts zu kommen. Und dabei zu atmen. Alle meine Bewegungen verursachen Wellen, die irgendwann irgendwo ankommen.

Und jemanden berühren. Dafür lohnt es sich.

 

Der Himmel zeigt mir den Weg.

 

Wo habe ich schwimmen gelernt? Ich weiß nicht. Ich kann es einfach. Konnte es schon immer.

 

Intuitiv.

 

Ich höre, wie sich mein Boot hinter mir gegen die salzigen Wellen wehrt. Doch weiß ich, dass es das Wasser unbeirrt abperlen lässt. Tapfer und stark. So wie immer.

 

Ich erinnere mich an meine eigene Tapferkeit. An die Lichter, die bei mir sind.

 

Und an das Licht, das ich selbst bin.

 

Da vorne.

 

Da will ich hin.

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Kommentare: 8
  • #1

    Christina Eichmann (Freitag, 06 November 2015 17:27)

    Wunderschön geschrieben, liebe Sarah! Danke fürs Teilen.

  • #2

    Kiki (Samstag, 07 November 2015 10:44)

    Wundervoll, ich hab Tränen in den Augen :')

  • #3

    Simone K. (Samstag, 07 November 2015 23:38)

    .....und immer wieder soo tief berührt von dir.....
    Danke, WUNDERvolle Sarah!

  • #4

    Hellmut (Montag, 09 November 2015 22:12)

    Du hörst nie auf, mich zu verwundern und zu begeistern ob der Schätze, die in dir sind. Don't ever stop! Danke :-)

  • #5

    www.mit-engeln-im-licht.de (Montag, 09 November 2015 22:36)

    Ihr seid ja alle lieb! Vielen Dank fürs Lesen und eure süße Kommentare. :-*

  • #6

    Bettina (Dienstag, 10 November 2015 09:47)

    Liebe Sarah,

    wunderschön und genau deine Situation, momentan, nicht wahr? Also - schwimm! Die Engel werden dich begleiten.
    Alles Liebe
    Bettina

  • #7

    www.mit-engeln-im-licht.de (Dienstag, 10 November 2015 22:02)

    Ja, liebe Tina! :-) Danke! :-* Ich weiß ja, dass sie da sind. Warum traue ich mich dann nicht noch öfter und noch mehr nach vorne? Mit der Zeit wird's sicher leichter. :-D

  • #8

    Claudia (Dienstag, 24 November 2015 13:02)

    Schöne Worte, liebe Sarah :-)