35

Quelle: Pixabay
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Am Wochenende bin ich 35 Jahre alt geworden. Ich hätte es nicht gedacht, aber mir gefällt die Zahl außerordentlich gut. Sie fühlt sich rund an und reif und erwachsen. So, als dürfte ich nun endlich vieles was war, abschließen. Und ich atme aus und bin mehr als bereit dafür, alten Ballast abzuwerfen.


Loszulassen, was längst zu schwer geworden ist. Und da ist einiges zu schwer geworden. Ich habe so manches im Lauf der vergangenen 35 Jahre zu oft und zu viel getan. Und wiederum vieles zu wenig und zu selten.


Aber ich bereue nichts. Denn ich habe dazu gelernt.


Doch nun ist vieles verbraucht. Gewohnheiten sind so ausgelatscht und langweilig, wie ein altes Paar Schuhe. Nur, dass ich nicht mal weiß, wozu die Gewohnheiten, im Gegensatz zu den Schuhen, gut waren.

Die Gegenteile von Glück.


Hab mir zu oft Stress gemacht.

Zu viel über Schweres nachgedacht.

Zu oft unachtsam durch den Tag gehetzt.

Mich zu selten in die Stille gesetzt.

Habe zu wenig Neues gewagt.

Viel zu oft Ja und Amen gesagt.

Und viel zu selten nachgefragt.

Zu viel geredet. Zu wenig zugehört.

Zu oft angepasst. Zu selten gestört.

Zu häufig unscheinbar gewesen.

Zu wenig gute Bücher gelesen.

Mir selten wirklich Zeit genommen.

Und viel zu viel nur halbherzig begonnen.

Zu häufig alles besser gewusst

Zu wenig gedurft und zu vieles gemusst.

Zu lang an unperfekten Texten gefeilt.

Mich bei wichtigen Dingen zu sehr beeilt.

Habe mich viel zu oft aufgeregt.

Zu selten dein Herz in meine Hände gelegt.

Schöne Momente habe ich viele verpasst.

Nahrung und Geld achtlos verprasst.

Zu viel überlegt, was andere wohl denken.


Als viel mehr entschlossen MEIN eigenes schönes Schiff zu lenken.


Hab fremde Wahrheiten zu oft über meine gestellt.

Mich viel zu selten zu euch gesellt.

Hab zu wenig auf mein Herz gehört.

So manchen Traum lieblos zerstört.

Mich viel zu oft mit anderen verglichen.

Zu viele Sätze durchgestrichen.

Hab zu selten meine Fehler geschätzt,

und mich stattdessen dafür nur verletzt.

Bin zu häufig im Schneckenhaus geblieben.

Hab zu wenig Gedanken aufgeschrieben.

Zu viel geträumt. Zu viel versäumt.

Habe zu oft nach Sicherheit gesucht.

Zu wenig Lob auf mein Konto gebucht.

Mich mit zu vielen Selbstzweifeln gequält.

Beim Summieren des Glücks falsch, weil zu wenig gezählt.

Habe meinen Körper zu selten gefragt,

was er eigentlich wirklich mag.

Habe zu oft nach meiner Perfektion gesucht.

Meine Unentschlossenheit verflucht.


Habe mich viel zu oft beklagt.

Und viel zu selten DANKE gesagt.


Ich lichte die Anker und lasse los.

Denn das, was da kommt ist funkelnd und groß.

Ich segle fort auf meinem Schiff.

Achtsam hinweg übers felsige Riff.

Weile für Weile.

Hinein in die glücklichen Gegenteile.

Quelle: Pixabay
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Kommentare: 5
  • #1

    Caro (Donnerstag, 23 Juli 2015 20:49)

    Wunderschön!

  • #2

    Hellmut (Samstag, 25 Juli 2015 14:28)

    Wunderbar, liebe Sarah :-) Eine Poetin bist du also auch. Echt schön, berührend, bewegend und inspirierend. Danke!

  • #3

    Bettina (Samstag, 25 Juli 2015 22:42)

    Wunderschön, Sarah. Und dass du eine Poetin bist, war mir schon lange klar - das geht nämlich auch ohne Reime ;-). Ein Text, der für viele Menschen Wahrheit birgt.

  • #4

    Simone Konrad (Sonntag, 26 Juli 2015 19:58)

    Oh Sarah, wie schön, wie berührend....!
    Ich kann mich immer so in deinen Texten finden!
    Danke, dass du Worte findest für das , was auch mich bewegt!
    Du bist eine "Wortzauberin" :-) und ein WUNDERvoller Mensch .
    Mein Herz geht auf.
    Alles Liebe

  • #5

    www.mit-engeln-im-licht.de (Donnerstag, 13 August 2015 18:56)

    Ganz vielen Dank, ihr liebsten Leser der Welt! :-) :-*
    Es berührt mich, wenn ich berühren kann. <3