Meine Suche nach dem süßen Leben

Quelle: Pixabay
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Was folgt, ist ein Post, der nun schon seit mehreren Wochen auf meinem Tisch liegt. Ich habe mich eigentlich davor gedrückt, ihn zu veröffentlichen. Er ist nämlich echt persönlich. Aber dieses Thema gehört zu mir, ist ein Teil meines Lebens. Mal kleiner, mal größer, mal unbedeutend, mal überwältigend. Und ich weiß, dass es sehr vielen Menschen da draußen genauso geht. Deshalb geht das hier raus an euch. Seid gewiss: Egal wie tief ihr da gerade noch drin steckt: Ihr seid nicht allein. Euer Weg ist keine Sackgasse.

Über Sehnsucht und emotionales Essen

Macht Zucker süchtig? Stand der Wissenschaft ist, dass Zucker als solcher offenbar nicht, wie eine Droge, körperlich abhängig macht.


Trotzdem hat mich der Zucker, bzw. ziemlich viele Sachen, in denen er in Mengen und Unmengen drin steckt, schon seit ich denken kann, immer wieder im Griff. Früher hat das mein Leben bestimmt. Heute spielt es noch eine Rolle, aber ich gehe anders damit um. Ich betrachte bestimmte Nahrungsmittel nicht mehr als Feinde. Sondern als Mittel zum Zweck. Ich erkenne das Essen als einen Weg zu mir selbst.

Zuckersucht? Oder der Weg zu mir selbst.

Es gibt Tage, da entscheide ich mich für den Zucker. Ich habe dann das Gefühl, ohne Kuchen, Schokolade und Eis wäre mein Leben trist und freudlos. An manchen Tagen geht es schon morgens mit einem süßen Frühstück los. Dann bin ich verloren, habe den Schritt hinein in den tückischen Zuckerkreislauf getan. Habe in der Achterbahn der Gefühle Platz genommen und rede mir ein, dass es nun wohl kein Entkommen mehr gibt. Die Berg- und Talfahrt des rauschhaften Verlangens hat begonnen …

 

Wenn ich dann nämlich das erste Schokocroissant verspeist habe, kann ich an erdrückenden Tagen an nichts anderes mehr denken als an den nächsten Zuckerkick, den ich mir irgendwann, während des unausweichlichen Mittagstiefs dann auch verpasse. Bevor ich mir erlaube über mein Verlangen nachzudenken, ist der Schokoriegel schon verputzt. Und zwar so schnell, dass ich ihn nicht einmal richtig schmecken konnte. Vor lauter „mehr-davon-Wollen“ verpasse ich den Genussmoment.

 

Eigentlich schade. Denn würde ich hin schmecken, könnte es sein, dass mir bewusst wird, dass ich in diesem Moment vielleicht etwas ganz anderes brauche. Eine Umarmung? Oder nur einen tiefen Atemzug. Oder den Duft von irgendwas Schönem.

 

Früher war es wie eine Obsession: Je mehr Süßes ich vorrätig hatte, umso beruhigter war ich. Das Zeug würde mir aus der nächsten, wie ich meinte, unerträglichen oder schmerzhaften Situation heraushelfen, bzw. mir helfen, sie irgendwie zu überbrücken bis es wieder besser wird.

 

Die Süßigkeiten würden der schweren Situation einen Sinn geben. Könnten die Langeweile, den Frust oder die Sehnsucht vertreiben.

 

Sie Sehnsucht nach dem süßen Leben.

 

Ja, denn manchmal will ich nur eins: mein Leben versüßen. Und da ich an manchen Tagen keine Ahnung habe, wie das geht, greife ich schnell zum Zucker. Und obwohl der im wahrsten Sinne des Wortes schon in meinem Blut rauscht, greife ich möglicherweise auch am Abend noch mal zu.

 

Mein Verlangen stelle ich dann rücksichtslos über die Bedürfnisse meines Körpers – seine Warnsignale, sein Unwohlsein – und über die wahre Sehnsucht meines Herzens.


So oft scheinen das unachtsame Essen und seine Folgen leichter tragbar, als die Last, die mir auf dem Herzen liegt und gespürt werden will. Essen verlagert die emotionale Schwere in den Bauchbereich – auf die körperliche Ebene. Wenn ich mich dann darauf konzentriere, verliert das, was da eigentlich weh tut an Bedeutung. Scheinbar. Für diesen Moment.

 

Später schleicht sich dann die Schuld an.

 

Und die fühlt sich ziemlich doof an. Vor dem emotionalen Essen wusste ein Teil von mir ganz genau, dass der überdurchschnittliche Zuckerkonsum meinem Körper dauerhaft schaden könnte. Doch wenn das Verlangen da ist, wird dieser wohlwollende ICH-Anteil gerne mal komplett ausgeblendet. Hat nichts mehr zu sagen. Ich greife dann einfach zu, will nicht mehr vernünftig sein. Nicht mehr nachdenken.

 

Will nichts anderes fühlen als den Trost und die Hoffnung darauf, morgen noch mal neu anfangen zu können.


Erst später, wenn der Tag dann vorbei ist, meldete sich die Vernunft zurück und die Panik gibt ihren Senf dazu. Angesichts dessen, was ich meinem Körper jetzt schon wieder zugemutet habe. Früher schimpfte ich dann auf mein Verlangen, meine Gier, meine Sucht. Mein Suchen.

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„Hey, wovon träumst du?“

Doch wenn ich meine „Droge“ einst als Feind betrachtet habe, der mich im Griff hat, sehe ich sie heute als Schlüssel, den ich nutzen kann, um mir verschiedene Teilbereiche meines Selbst zu erschließen und sie zu erkunden. Bereiche, die noch ganz im Dunkeln liegen und deren Entdeckung mich noch mehr in die Selbstliebe bringen.

 

Ich habe erkannt, dass mir das Verlangen nach Süßem etwas ganz Besonderes zeigen kann.

 

In dem Moment, in dem es da ist, greift es nach meiner Hand und will mir begreiflich machen, dass ich mich genau jetzt in eine andere Richtung bewegen kann. Dass ich mich in einer bestimmten Situation oder auch in meinem Leben nicht wohl fühle, dass ich mich auf die Suche machen darf, nach etwas, das mich erfüllt. Nach etwas, das einer Situation, einer Stunde, einem Tag, einem Monat, einem Jahr, meinem Leben mehr SINN gibt. Genau jetzt habe ich eine Wahl. Auch, wenn es sich nicht so anfühlt. Ich habe die Wahl, dieses Mal etwas anders zu machen.

 

Das Verlangen will eigentlich Folgendes sagen: „Hey! Wovon träumst du? Was möchtest du in deinem Leben wirklich von Herzen erreichen? Was willst du erleben? Wonach sehnst du dich? Was macht dir Spaß? Womit willst du dich selbst verwirklichen? Und was kannst du tun, um Neues in deinem Leben in Bewegung zu bringen? Mach Pläne. Entwickle Projekte. Brenne für das, was du tust. Und zwar jetzt.“

 

Und wieder Mal stelle ich fest, dass etwas, gegen das ich mich mit aller Kraft in meinem Leben gesträubt habe, doch nur ein freundlicher Wegweiser ist.

 

Es geht nicht ums Kämpfen, sondern ums Annehmen. Es geht ums neugierig Hinterfragen.
Es geht darum, mich für die Liebe zu entscheiden.

 

Es lohnt sich, die Steine genau in Augenschein zu nehmen, bevor ich sie aus dem Weg räumen kann. Woher sie wohl kommen? Manche sind vielleicht so alt wie die Erde. Einige haben sicher einen weiten Weg hinter sich gebracht. Sie glitzern in der Sonne. Viele fühlen sich warm und glatt an. Andere sind kühl und sperrig. Aber eigentlich sind sie alle leichter, als sie aussehen. Es tut gut, sie in den Händen zu halten und nach und nach am Wegesrand abzulegen. Mein Herz klopft vor Spannung. Die Mauer wird immer kleiner, gibt den Blick auf Neues frei. Der Schatten zieht sich zurück. Ich halte mein Gesicht in die Sonne. Tauche ein in warmes Licht.

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Kommentare: 2
  • #1

    Bettina (Freitag, 10 Juli 2015 15:28)

    Liebe Sarah, das kenne ich gut, Zucker ist Trost und Zucker beruhigt, zwar nicht auf Dauer aber für den Moment - ich habe auch eine Zuckerphase zur Zeit, meine Seele braucht Unterstützung. Dieses Mal gebe ich dem nach, aber zu anderen Zeiten gibt es absolute Zuckerfreiheit - ich kann aber nicht sagen, dass es mir mit oder ohne Zucker besser geht als in dem jeweisl anderen Zustand. Vielleicht kommt die Zeit, in der wir diese süße Droge nicht mehr brauchen, ich bin mir sogar sicher. Kohledyrate erden uns, die Süße gibt das, was vielelicht momentan in unserem leben fehlt und das wir noch finden müssen. Gruß Bettina

  • #2

    Christina Eichmann (Freitag, 10 Juli 2015 21:53)

    So oft scheinen das unachtsame Essen und seine Folgen leichter tragbar, als die Last, die mir auf dem Herzen liegt und gespürt werden will. Essen verlagert die emotionale Schwere in den Bauchbereich – auf die körperliche Ebene. Wenn ich mich dann darauf konzentriere, verliert das, was da eigentlich weh tut an Bedeutung. Scheinbar. Für diesen Moment.

    Oh, ich habe eine Gänsehaut bekommen! Das ist so treffend! Ja, lieber zu viel auf den Knochen als der Schmerz des Moments.

    Und dann las ich das da:
    Ich habe die Wahl, dieses Mal etwas anders zu machen.

    DANKE! Danke für diesen Gedanken!