Über das große Glück.

Quelle: Pixabay
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Ich schließe die Augen. Und öffne sie. Es dauert nur einen Wimpernschlag. Dann ist nichts mehr so, wie es vorher war. Die Welt sieht plötzlich anders aus. Mein Leben gewinnt an Bedeutung. Und ich beginne zu begreifen.

Seit ich denken kann, bin ich auf der Suche. Ich dachte immer, wenn bestimmte Dinge in meinem Leben anders wären, könnte ich zufriedener sein, glücklicher. In einer „perfekten“ Beziehung vielleicht? Würde es mir in einer anderen Wohnung besser gehen? Sollte ich mein Leben völlig umkrempeln? Alles aufgeben, um noch einmal neu anzufangen? Wäre ich glücklicher, wenn ich mich nicht so "anders" fühlen würde? Sollte ich reisen, um ein erfüllteres Leben zu führen? Oder reicht der Sternenhimmel auch, den ich vom Garten aus sehen kann? Hätte ich mehr Grund zum Lächeln, wenn ich ein Haustier hätte? Soll ich meine Jobs aufgeben und etwas anderes machen? Wären ein paar Kilo weniger der Schlüssel zum Glück? In welche Abenteuer muss ich mich stürzen, damit ich zufriedener bin? Und wie finde ich nur das Glück in mir selbst, das da irgendwo in der Stille verborgen liegt, die ich oft nicht zulassen kann? Und wie fühlt sich dieses Glück bloß an?


Wo ist das große Glück? Und was macht es aus?


Ich habe das Gefühl, als würde ich einem Phantom hinterherrennen. Sehe es in der Ferne, komme näher. Und wenn ich danach greife, löst es sich in Luft auf. Es ist ein bisschen so, wie die Freude über eine neue Anschaffung. Weil ich nach einem Zauber suche, den ich im Moment nicht spüren kann, kaufe ich mir ein schönes Buch. Glücklich blättere ich darin, empfinde kurzzeitig große Freude darüber. Dann stelle ich es zu den anderen schönen, ungelesenen Büchern, für die ich bisher noch keine Zeit gefunden habe. Die Freude verfliegt und ist schnell wieder vergessen. Bis ich das nächste Buch entdecke.


So, wie ich mir das große Glück vorstelle, existiert es nicht. Deshalb finde ich nichts.


Ich finde das große Glück nicht. Nicht, indem ich eine falsche Vorstellung davon habe. Nicht, indem ich das Wesentliche übersehe. Das, was direkt vor mir liegt. Das, was ich bin. Das, was mich umgibt. Das, was ich fühle. Das, was ich denke. Das, was ich bewege. Das, was mich bewegt. Das, was ich wie selbstverständlich und ganz unbewusst durch meinen Atem am Leben erhalte.


Wie konnte ich es übersehen? Das größte Glück der Welt – das mir gehört in seiner ganzen Einzigartigkeit?


Das Glück, das so gigantisch groß und zugleich doch so zerbrechlich ist?


Ein Wimpernschlag ...


Und obwohl es so bedeutsam, mal gewaltig und mal zart wie ein Gänseblümchen, überall ist, in mir lebt, ich es jeden Tag fühlen kann, habe ich immer wieder mit großer Ignoranz darüber hinweg gesehen.


Aber mein Herz klopft.


Ein Flugzeug zerschellt in den französischen Alpen. 150 gelebte und geliebte Menschenleben.


Und in dieser großen Unbegreiflichkeit, begreife ich was. Mal wieder. Diesmal will ich's nicht vergessen.


Nämlich, dass das Leben selbst das große Glück ist, dem ich stets verzweifelt hinterherjage – obwohl es in jeder Sekunde bei mir ist. Mit all seinen Facetten.


Doch wie können Schmerz, Traurigkeit, Wut und Angst, die das Leben auch für uns bereithält, Glück bedeuten?

Vielleicht ist das Glück so groß, dass wir es mit all den unterschiedlichen Gesichtern nicht in seiner Ganzheit begreifen und als Glück erfassen können. Vielleicht aber tragen die schmerzhaften Seiten des Lebens mehr zu einer neuen, daraus entspringenden Form des Glücks bei, als wir erahnen können.

 

„Sogar Sterne kollidieren manchmal und aus ihrem Zusammenprall entstehen neue Welten.“ (Charlie Chaplin in seinem Text über Selbstliebe)

 

Manchmal spielt uns das Leben übel mit. Wir streiten und trennen uns. Beziehungen können uns in Bitterkeit mit tiefen Wunden übersät zurücklassen oder wir bleiben zusammen und zerfleischen uns. Wir trauern über schmerzhafte Verluste, haben das Gefühl, unser Herz sei für immer zerrissen. Oder wir sind tieftraurig und wissen nicht einmal, warum. Vielleicht fühlen wir uns verlassen und mutterseelenallein auf dieser Welt. Oder wir leiden unter einer Erkrankung, die uns beutelt und uns Schmerzen bereitet. Wir werden gezwungen, Enttäuschungen und Niederlagen einzustecken. Manchmal tut das Leben furchtbar weh. Wir betrachten unsere Scherben, die zerbrochen am Boden verstreut liegen. Unmöglich, sie wieder zu dem Menschen zusammenzusetzen, der wir einst waren.


Doch was ist, wenn uns der Schmerz nicht zerstört? Sondern uns auf eine neue, andere, nicht fassbare und unerklärliche Weise wieder zusammenfügt?


Wir verkriechen uns zitternd aus Angst, verletzt zu werden.


Doch was ist, wenn wir den Mut aufbringen, einen Fuß vor den anderen zu setzen? Die alte Haut abstreifen, unser Schneckenhaus verlassen, neue Begegnungen zulassen und die Nase in den Wind stecken? Das Leben und die Sonne schmecken? Wie fühlt sich das dann an?

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Das Leben ist wie ein Kartenhaus

Unser Leben ist wie ein Kartenhaus. Jede Erfahrung ist eine Karte. Es gibt Karten, die aus Schmerz, Wut, Enttäuschung, Angst, Schuld, Schwere, Neid und Hass gemacht sind. Und dann gibt es die Karten, die unendlich viel Freude, Leichtigkeit, Stille, Frieden, Lachen und Liebe in sich tragen. Sie alle sind kraftvoll.


Und wir benötigen jede einzelne, um unser Haus zu bauen.


Wir lehnen sie so gegeneinander, damit sie stabil genug sind, eine neue Erfahrung zu tragen. Stabil genug, um neuen Schmerz auszuhalten und durch neue Freude stark genug für die nächste Traurigkeit zu sein. Und die Karte der Traurigkeit wird aufgestellt, um vom Zauber eines neuen Moments gekrönt zu werden.


So bauen wir unser Kartenhaus. Etage für Etage in den Himmel hinein. Zu Gott.


Unser Kartenhaus. Gebaut aus Liebe, Freude, Tränen, Angst und Mut.


Ein Wimpernschlag kann alles verändern. Manchmal bläst der Wind von der falschen Seite. Und das Kartenhaus stürzt ein. Einfach so.


Ich möchte mein Kartenhaus beschützen. Es lieben und pflegen. Bis der Wind sich dreht.


Ich baue weiter, mit allem, was dafür nötig ist. Es ist mein Werk. Innehalten. Durchatmen und mit ganzem Stolz auf das schauen, was ich schon geschafft habe. Wie hoch es bereits ist!


Ich betrachte es mit Sanftmut. Ohne Groll. Ohne Reue. Ohne Schuld. In Dankbarkeit.


Mein Kartenhaus. Mein Geschenk von Gott. Mein Leben.


Mein größtes Glück.

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Kommentare: 3
  • #1

    Hellmut (Samstag, 04 April 2015 14:07)

    Mmmh! Wunderbar gefühlvoll auf den Punkt gebracht und ein schönes Kartenhaus-Bild. Vielen Dank ,dass du mal wieder mein Herz berührt hast, Sarah :-*

  • #2

    caro (Sonntag, 05 April 2015 20:50)

    Danke, liebe Sarah. Auch für dein Kommentar bei mir. :-*

  • #3

    Marie-Luise Kulozik (Freitag, 25 März 2016 16:05)

    Danke liebe Sarah, wundervolle Wahrheiten und ja du hast Recht wir können dankbar sein mit dem was wir haben,unsere guten Helfer die uns beschützen und die wir immer anrufen können um Hilfe,aber auch uns für Schönes zu bedanken.Ich wünsche dir und Allen die es lesen frohe Ostern,liebe Grüße Luise.